Egidius R. hieß Rosenblatt mit Zunamen. Ein unzutreffender Name, denn einzig seine Stacheligkeit galt den Zeitgenossen, wie jeder eigentümliche Charakter, für maßgeblich. Und es ist wahr: Er war nicht nur starrsinnig sondern noch unbelehrbar dazu, dergestalt, daß er häufig seinen Gedanken nachhing und seinen alten Strohhut niemals absetzte, auch nicht, wenn er schlief. Er schlief während der Arbeitszeit, doch das machen wir ja alle, aber schlimmer: Er lehnte einen regelmäßigen bequemen, gut bezahlten Zeitungsjob ab, nach dem wir uns die Finger lecken würden. Nur weil er fand, man verarsche die Zeitungsleser zu sehr. Und als es mit ihm eines Tages soweit kam, daß er zum wiederholten Mal der Sachbearbeiterin des Sozialamtes gegenüber zu treten sich gezwungen sah, machte er auf’s Erste selbst dieser ordentlichen Frau Ärger. Er riet ihr, den Kopf zum Denken zu benutzen, was die Beamtin als eine Beleidigung auffaßte, worauf sie ihm ankündigte, er werde wohl in nächster Zeit einer Erwerbstätigkeit nachgehen müssen, da sie sich ansonsten veranlaßt sähe, die Bezüge, die er durch ihrer Behörde erlange, gänzlich einzustellen. Egidius, einer ihm bislang fremden Anwandlung aus Furcht folgend, entgegnete der Entrüsteten enthusiastisch, er wolle wohl schon gerne in freier Natur, abgeschieden von übel meinenden profitgeilen Börsianern oder anderem Abschaum, Gottes Blumen hegen. Denn er hatte Leidensgenossen auf dem Gang des Sozialamtes von geselliger Gartenarbeit reden hören. Nun begann aber soeben ein sehr freundlicher Sommer und Egidius lag für sein Leben gern im hohen duftenden Gras zwischen Gänseblümchen. Da sah er den starken Käfern zu, wie sie Graswurzeln auszupften. Und den lustigen Larven der unnützen Motte, wenn sie sich schwarz und gelb durch den saftigen Löwenzahn kauen- wissend auch um dicke schnelle Spinnen, die auf fetten Larvenbraten aussind. So geht das aber nicht, Herr Rosenblatt, hörte er plötzlich eine fremde Stimme sagen. Er merkte überhaupt nicht, daß die Stimme zu Frau Rübsamen gehörte, seiner Sachbearbeiterin. Und weil er so unsanft aus seiner Vorstellung gerissen worden war, nahm er seinen zerfransten Hut ab, und fuhr gleich anschließend mit der Faust auf der billigen Spanplatte des niedrigen Sozialkliententischchens nieder, wie der Donnerkeil Gottes am jüngsten Tag. Das passierte rein automatisch. Sobald ihn wer ganz perplex machte, vergaß er immer, warum er den Hut abgesetzt hatte. Und dann… Nun ja, die Spanplatte war jedenfalls hin. Eine garstige Schraube schnitt zudem durch die dicke Hornhaut seiner rauen Hand. Er blutete, wie die Sau. Frau Rübsamen, die schon als Kind kein Blut sehen konnte, und deshalb nicht Krankenschwester werden mochte, obwohl sie eindeutig eine soziale Ader hatte, fiel in Ohnmacht. Egidius stürzte sich augenblicklich auf die weggetretene Beamtin und leistete Erste Hilfe- nachdem er sich ängstlich davon überzeugt hatte, daß für Frau Rübsamen nicht bereits jede Hilfe zu spät gekommen sei. Aber darauf kommen wir später bestimmt noch zu sprechen.
Das ganze Ereignis schien zunächst gar keines zu sein, denn niemand nahm Notiz von ihm. Bis Frau Rübsamen erwachte, und die Blutflecken entdeckte: Ganz oben, neben dem offenstehenden Hirschhornknopf ihrer jagdgrünen Bluse. So ganz und gar tot, wie sie Egidius noch vor einem Augenblick erschienen war, so lauthals und lebendig brüllte nun ihr schöner Sopran. Götterdämmerung! Nein, Hilfe, schmetterte die lebenslang verbeamtete Brünhilde. Und ihr wallender Busen, auf den wir später eventuell noch zu sprechen kommen werden, bebte unter dem jagdgrünen Perlon und machte, daß nicht nur das Amtszimmer erzitterte. Was für ein Stimmmaterial, stammelte Egidius ergriffen, als der Amtsleiter und zwei weitere Walküren entschlossen die Bühne betraten. Ja, wir sagen Bühne. Denn was sich nun abspielte, glich einem Drama. Und unser Held sollte darin unfreiwillig den schweinischen Schurken geben, nur damit die Welt eine Katharsis hat.
Amtsleiter Kloppke, ein niedriges Männlein von beträchtlichem Umfang, vergaß vor Schreck zu brüllen. Die eben aufgetretenen Walküren japppsten nach Luft. Frau Rübsamen schwieg eine halbe Sekunde, dann platzte es aus ihr heraus: Wüstling, artikulierte sie sauber. Egidius aber machte der einen Walküre Platz, die den Telefonhörer des Amtsapparates der Frau Rübsamen kühn ergriff und die Polizei herbeirufen wollte. 110 wählte sie, und ein Besetztzeichen zerschmetterte fast ihr inneres Ohr, denn sie hatte vergessen, die Nummer für ein freies Amt vorzuwählen. Sie müssen ja erst ein Amt holen, intonierte der Leiter des hiesigen in deeskalierender Tonart. Die Vorwahl 9, schob er vorsichtig hinterher, denn er wollte nicht unbedacht weitere Minuspunkte vom Personalrat seiner Behörde kassieren. Direkt die 12 und dann die 13, da brauchen sie gar nichts zu sagen und in 5 Minuten sind die hier, verbesserte ihn die andre Walküre, welche vor der Eingangstür des Amtszimmers Posten bezogen hatte, und so jeden Fluchtversuch mit der kantig proportionierten Masse ihres Körpers zu vereiteln wußte. Sie hatte so ihre Erfahrung mit Klienten. Fünf Minuten können lange dauern. Danach aber wich die Spannung langsam, denn das Warten glich dem normalen Tempo der Abfertigung schon so sehr, daß es zugleich beruhigte. Frau Rübsamen setzte sich wieder hinter ihren Schreibtisch. Herr Kloppke, dessen Aufmerksamkeit, wie ehedem fast ausschließlich der Menschenführung galt, fand Muße, nicht in der kleinen Blutlache auszugleiten, welche der Klient Egidius Rosenblatt hinterlassen hatte. Es tröpfelte immer noch aus der Wunde. Da entledigte sich Egidius ungeniert seiner Überjacke, zog noch das Oberhemd aus, riß einen Ärmel davon ab, und verband notdürftig die brennende Schnittwunde seiner Grüßgotthand. Und niemand fand etwas schmutzig dabei. Vielleicht Frau Rübsamen, deren grüne Augen einen Moment lang die behaarte Brust und die breiten Schultern ihres Klienten musterten. Als ob sie eine erneute Hitzewallung durchführe, knöpfte sie tief ausatmend einen weiteren Hirschhornknopf ihrer jagdgrünen Perlonbluse auf und seufzte. Dem umfänglichen Kloppke war klar, daß er an den Händen zu schwitzen begann, weshalb er sich ein Erfrischungstuch erbat. Zufällig besaß Egidius eines. Es hatte einmal als Beilage in einer nützlichen Plastiktüte gelegen, zusammen mit einem halben Hähnchen. Heute bleibt die Küche kalt. Wie er sich besonders die krosse Haut des Vogels vorzugsweise in einem Park mit See schmecken ließ, hatte er nach dem Imbiss auch diesmal das öffentliche Klo daselbst, zum Pinkeln und Händewaschen aufgeschucht. Doch trug er stets ein Stückchen Kernseife bei sich. Das roch so gut. Die ungenutzten Erfrischungstücher behielt er jedoch bei sich, denn er mochte nichts Brauchbares verschwenden. Freundlich reichte er also dem verdutzten Amtsleiter das letzte vom Hähnchenmahl übriggebliebene Erfrischungstuch, welches er zuvor mit der unverletzten linken Hand vorsichtig aus der rechten Gesäßtasche gezottelt hatte. Kloppke nahm an, denn er wollte nicht eskalieren! Frau Rübsahmen knippste ihrem kleinen Radiowecker an. Aus dem Lautsprecher plärrte blechern nur noch ein Sender: Die Feinabstimmung war 1982 unerwartet ausgefallen. Können sie einen anderen Sender machen, vielleicht Klassik oder so, schlug Egidius vor. Das geht nicht, da ist was kaputt, antwortete Frau Rübsamen. Bei so was hab ich ein geschicktes Händchen, versicherte Egidius, und ging auf Frau Rübsamen zu, die keine Anstalten machte Arien zu schmettern. Na gut, schauen sie sich’s mal an. Der Amtsleiter richtete seinen anerkennend konspirativen Blick auf Frau Rübsamen, weil es im Augenblick mutig, klug, ja deeskalationsfördernd schien, dem Ansinnen des gemeingefährlichen Klienten stattzugeben. Frau Rübsamen aber begann in einer Weise entspannt zu lächeln, die den Anwesenden, mit Ausnahme von Egidius, überspannt zu sein schien. Wahrscheinlich das Resultat psychischer Überforderung im Dienst an der allgemeinen Wohlfahrt. Auch das noch, und wie lange wird die Rübsamen jetzt ausfallen, dachte Kloppke. Als Egidius die tadellose Schere zur Hand nahm, um mit ihr die Schrauben des defekten Radioweckers zu lockern, kam noch einmal etwas, wie ein schwacher Protest über die Lippen der wachhabenden Walküre. Doch selbst sie fürchtete nicht ernsthaft, der Klient würde das Schneidewerkzeug, gegen irgendjemanden als Waffe wenden. Trotz seiner Verwundung waren Egidius Handgriffe elegant. Sicher, wie ein alter Uhrmacher, machte er sich an dem geöffnete Gerät zu schaffen. Niemandem fiel auf, daß der Netzstecker nicht gezogen war. Der Lautsprecher strahlte noch den gleich Sender ab, als Egidius den kleinen, wächsernen Baumwollfaden in die Rille des winzigen Verstellrädchens zurück zupfte. Dann dreht er außen, und zum ersten mal seit Mai 1982 kam ein anderer Sender aus dem Apparat. Eine fröhliche, ältere, sehr verrauchte Frauenstimme teilte mit, die letzten Wortfetzen gehörten zu einer Dame namens Margit Mioska, hätten in Gänze einen Kommentar zum Thema zyx vorgestellt, und nun sei man soweit in den Zeitpunkten, so hieß nämlich die Sendung, wieder Musik zu spielen: Billy Hollyday: They cant take that away from me. Schnell war der heile Radioempfänger zugeschraubt. Verlegen setzte der Klient den Hut wieder auf, dessentwegen er Frau Rübsamen ungewollt betrübt haben mußte, und sie wechelten einen Blick, den beide nicht mehr vergaßen. Billy Hollyday war gerade bei der Zeile „the way you changed my live“, als Frau Rübsamen, ohne Widerspruch zu dulden, die Kollegen aus dem Amtszimmer schickte. We may never meet again on the funky road to love. Als am Abend die Polizei eintraf, zuckte der Rathauspförtner ratlos mit den Achseln.