
Alfred Kerr (* 25. Dezember 1867 in Breslau als Alfred Kempner; † 12. Oktober 1948 in Hamburg), deutscher Schriftsteller, Theaterkritiker und Journalist., Bibliothèque nationale de France, Foto: Robert Sennecke, gemeinfrei
Wenn ich darüber nachdenke, fällt es mir schwer, etwas Allgemeines zum Begriff Freundschaft herauszufinden. Bei den literarischen und biographischen Zeugnissen die mir sofort geläufig sind, sticht wieder und wieder ins Auge, dass sich dieser Begriff, dass sich Freundschaft, nicht zur Verallgemeinerung eignet.
Wann immer über Freundschaften berichtet wird, verläuft sich der Versuch, etwas daran definitiv festzustellen, ins Spezielle, will sagen ins Beispielhafte – er, sie, es ist mein Freund, weil….u.s.w. Der wirklich starke Autor Alfred Kerr kommt vielleicht dem Wesen der Freundschaft nahe, wenn er Schillers Drama „Die Verschwörung des Fiesko zu Genua“ in Grund und Boden rezensiert: „Schiller, meine Schätzung Ihres Lebenswerks ist viel kleiner, als meine Liebe zu Ihnen…“
[Ihnen mit großem I. – Die Respektbezeigung des Briefschreibers in der deutschen Schriftsprache bei direkter Anrede, gilt genauso auch für das persönliche Du und Dir.] „Ich weiß, was Ihnen fehlt: aber ich lasse nichts auf Sie kommen. Hier geht es aber wirklich nicht. …. Man kann nicht einen tückisch klugen Helden zeichnen, der so ein Blödian ist…..Schiller, es geht nicht.“ [Normales Satzende, keine Ausrufungszeichen.]
Jederzeit „Es geht nicht“ sagen können, das ist das Mindeste, was eine Freundschaft vertragen sollte, wenn sie ein ist.
Zur Freundschaft überredet werden kann nämlich niemand und als Freundschaft maskierte Abkommen etwa zum gegenseitigen Nutzen (Win/Win Strategien und sowas) sind keine Freundschaft! Sie demaskieren sich zuverlässig bei der geringsten Übervorteilung der einen oder der anderen Seite.
Goethe seziert die Unterschiede.
Auftritt:
1. Ein junger Dichter, der Nähe und Vertrauen sucht und dabei ständig an die Schwelle zu Beleidigung und Handgreiflichkeit gerät –
2. Ein älterer, mit allen Wassern gewaschener Politprofi im Staatsdienst, der sich irgendwann doch aus der Fassung bringen lässt –
„Schöner ward kein Mann mir angekündigt“, beginnt in Goethes Schauspiel, Torquato Tasso die Rede an den Staatssekretär des Herzogs. Der aber ist als Profi mit zweideutigen Avancen vertraut und antwortet dem Lobbyisten Tasso:
„Freigebig bietest Du mir schöne Gaben, und ihren Wert erkenn ich wie ich soll. Weiß ich doch nicht, ob ich dir auch dagegen ein Gleiches geben kann. Ich möchte gern nicht übereilt und nicht undankbar scheinen. “
Tasso entgegnet gleich etwas hochgekocht:
„Wer wird die Klugheit tadeln? Jeder Schritt des Lebens zeigt, wie sehr sie nötig sei; Doch schöner ist’s, wenn uns die Seele sagt, wo wir der feinen Vorsicht nicht bedürfen.“
Da lässt der Staatsdiener den Hitzkopf abblitzen:
„Darüber frage jeder sein Gemüt, weil er den Fehler selbst zu büßen hat.“!
Tassos Unbehagen ist mit Freundschaftvokabeln verkleidet. Diese Kostümierung verfängt vielleicht bei naiven Charakteren; doch der Staatssekretär ist nicht naiv. Entscheidend ist, die Freundschaftsbekundung wird schon hier als bloßes Gerede markiert. In politischen, beruflichen, institutionellen Zusammenhängen ist Freundschaft nur rhetorische Kostümierung. Ist Lügen beim Verhandeln erlaubt? Nein – aber alle tun es. Ist es erlaubt, sich um der Freundschaft willen selbst zu schaden? Ja – aber es nützt nichts. Goethe kannte sich aus. Er war Dichter und Staatsdiener. Seele und Gemüt sind nur Platzhalter für massive Interessen. Der Charakter, den Goethe im Tasso zeichnet, diese gegenseitige Bedingtheit von Wunsch und Wirklichkeit, die den Interessenskonflikt zwischen dem eigenen Handeln und den Handelnden der verschiedensten Partikularinteressen hervorbringt, hat Goethe gut verstanden. Er spielte zweimanualig am Weimarer Hof; und seine Grundgestimmtheit hält an, als Sturm und Drang abgehandelt sind. In „Dichtung und Wahrheit“ gesteht Goethe eine gewisse Vorliebe für den französischen Skeptiker der Renaissance, den „Essayisten aus Périgord“ Michel de Montaingne.
Im Essay „Über die Freundschaft“ nimmt Montaingne einen langen Anlauf, um schließlich über das Lob seiner engen Freundschaft mit Étienne de La Boétie, zu einem hilflos wirkenden Definitionsansatz von Freundschaft zu springen. De La Boétie, der wie Montaigne Gerichtsrat in Bordeaux war, starb früh und schrieb gelegentlich. Montaigne lobt die Absicht wider die Tyrannei in einer jugendlichen Abhandlung des Freundes mit dem Titel: „Die freiwillige Knechtschaft“. Als Jurist urteilt er wie ein verfrühter Alfred Kerr über den Text des Freundes: „… weit davon, dass es das beste ist, was er hätte schreiben können.“ Solch ein Urteil kann eine echte Freundschaft überstehen. Nach der aufschlussreichen, überaus unterhaltsamen persönlichen Vorrede bemüht Montaigne bei der eigentlichen Definition des Begriffs Freundschaft allerdings gleich im zweiten Satz den Aristoteles:
„Zu nichts scheint uns die Natur so sehr bestimmt zu haben wie zur Geselligkeit.“ Ein hilfloser Anfang. „ Und Aristoteles sagt, dass die guten Gesetzgeber mehr Sorge für die Freundschaft als für die Gerechtigkeit tragen“ Oh weh! Und dann verlässt Montaigne kurz den realen Erfahrungshorizont, den er zuvor so einleuchtend aufgebaut hatte. Sein Plädoyer für die Freundschaft braucht jetzt einen juristischen Kniff. Er erklärt nicht, was Freundschaft ist, sondern was sie nicht ist.
Nicht Lust.
Nicht Nutzen.
Nicht Gewohnheit.
Nicht Notwendigkeit.
Alles das mag verbinden – aber es ist noch keine Freundschaft. Denn wo sich andere Zwecke einmischen – Vorteil, Absicherung, Kalkül – verliert Freundschaft auf ganzer Linie. Bei Aristoteles findet Geselligkeit den letzten Grad der Vollendung eben durch Gerechtigkeit. Denn: Insgeheim wären ja alle Freundschaften, die durch Wollust oder Eigennutz, öffentliche oder häusliche Notwendigkeit errichtet und erhalten wurden, um so weniger schön und edel und daher um so weniger Freundschaften, als sich ganz andere Zwecke als die Freundschaft selbst in sie mischten.- gar das Kalkül einer persönlichen Vorteilnahme. Ebenso wenig schicken sich die „vier Gattungen des Altertums, natürliche, gesellige, gastfreundliche und geschlechtliche Verbindungen weder einzeln noch zusammen genommen“ zur Freundschaft.
Die Definition des Begriffs Freundschaft gelingt Montaigne, nur unter Zuhilfenahme des Aristoteles und nur im Ausschlussverfahren und schließlich nur durch die glaubhafte persönliche Versicherung der eigenen Freundschaft. Am Ende bleibt Montaigne nichts, als auf seine Erfahrung zu verweisen – den Verlust. De La Boétie ist bei Niederschrift des Essays bereit tot. In der Trauer über den Verlust erkennt Montaigne das entscheidende Wesensmerkmal seiner Freundschaft: „Es gibt keine Handlung und keine Vorstellung“, resümiert der Skeptiker, „bei der er mir nicht mangelt, wie ich ihm gemangelt hätte.“ Freundschaft ist kein Regelwerk, dem man einfach folgt, während man auf der Stelle tritt. Verliert man einen Freund, verliert man ein Stück von sich selbst und mitunter die Orientierung. Ein aufrichtiges Ringen um die Essenz einer Freundschaft muss das festhalten.
Ein Rückgriff auf das, was die Klassiker für das Ideal ausgegeben haben: Friedrich Schillers Ballade „Die Bürgschaft“ unter besonderer Berücksichtigung von Bertold Brecht: „Sonetts über Schillers Gedicht „Die Bürgschaft“
Zwei Freunde.
Ein Tyrann.
Ein Todesurteil.
Der eine bittet um Aufschub – und setzt das Leben des anderen als Pfand ein.
Der Freund bleibt zurück, bereit zu sterben.
[ B. Brecht: O schöne Zeit! O menschliches Gebaren! Der eine ist dem andern etwas schuld,…]
Schiller führt einiges auf, was Freundschaft gefährlich werden kann:
Naturgewalt, Menschengewalt, Angst, Zweifel, Selbstmitleid.
Und der Freund kehrt zu spät zurück. Versucht das Dilemma durch Selbstaufopferung auszulösen. Was hier geschieht, nennt Schiller Treue. Man könnte auch sagen: Konsequenz zum eigenen Nachteil.
[B. Brecht: Solch ein Benehmen macht Verträge heilig. In solchen Zeiten kann man auch noch bürgen.]
Deswegen zeigt Schiller den Tyrannen populär:
Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn.
So nehmet auch mich zum Genossen an.
Als ich diese Ballade einem Siebzehnjährigen in meiner Nachbarschaft vorlas, sagte er, über sein Tablet gebeugt:
„Und denn fliegen die mit ….. zu dritt nach Malibu,wa.“
„Genau“, parierte ich, „Ganz spontan, wie das Freunde tun.“ Eigentlich aber blieb ich ratlos, weil ich das auch gesagt hätte, wenn ich an seiner Stelle gewesen wäre.
Schiller … Digga….es geht nicht…..Die wichtigsten Fragen lässt Du unbeantwortet. Warum sollten sich die Beherrschten auf eine Freundschaft mit den Herrschenden einlassen? Würde denn dadurch die Tyrannei verschwinden?